Die Industrie, Partner oder Dominator?

Moderne Ophthalmologie lässt sich ohne die Unterstützung der Pharma- und technischen Industrie kaum durchführen. Die Frage, die wir uns aber heute stellen müssen, ist, wie weit diese Partnerschaft reichen soll und ob wir eine neue Generation von Ärzten* wollen, die sich in Abhängigkeit von der Industrie begeben und nicht mehr die letzte Entscheidung über Ihre Therapieempfehlung haben. Denn es muss klar sein, dass in der Industrie Verkaufszahlen die wichtigsten Faktoren sind und Investitionen sich kurz- oder langfristig lohnen müssen. Die Unterstützung der Industrie und eine gute Zusammenarbeit sind wertvoll und wichtig. Für eine Innovation einzutreten ist sicher etwas Gutes und Spannendes und kein Arzt und kein Wissenschafter hat damit ein Problem, solange er sich mit dem Produkt identifiziert und auch seine eigenen Daten und Schlussfolgerungen mit Vor- und Nachteilen präsentieren kann. Kann er das?

In der Regel werden multizentrische „powervolle“ Studien mit kleinen einzelnen Fallgruppen aus sehr vielen Studienzentren zusammengesetzt und eine Beurteilung ist dem studienteilnehmenden Mediziner nur in einem beschränkten Ausmaß möglich, wenn er selbst nur 3–5 Patienten beigesteuert hat. Die Gesamtdaten gehen an die Firma, der Überblick geht verloren, die statistische Aufarbeitung erfolgt zentral. Textbausteine, Vorträge mit Zahlen und Statistik sind bereits von den Firmen vorgegeben, perfekte PowerPoint-Präsentationen werden geliefert, die der Wissenschafter dann perfekt vorträgt. Daher hört man weltweit die gleichen Vorträge mit den gleichen Bildern immer wieder – damit man es endlich kapiert, wo es lang geht! Problematisch wird es auch, wenn er oder sie als großer medizinischer Experte nur über ein Produkt immer wieder berichten soll ohne die Balance zu anderen Methoden oder Produkten herstellen zu können. Diese Konkurrenzprodukte werden dann an einem anderen Meeting von einer anderen Firma, von anderen Experten propagiert. Auf diese Weise – meint man – kann sich jeder selbst eine Meinung bilden und die Produkte vergleichen, die im Angebot sind.

Die Realität sieht aber anders aus, denn wer mehr wirbt hat die Nase voran. Daher werden einzelne Produkte so stark beworben, dass die Patienten sie vom Arzt verlangen. Erste Resultate sind kurzfristig immer „breath taking“ und werden schon in Tageszeitungen publiziert bevor sie noch wissenschaftliche Publikation erreichen. Solange die Patentrechte bei einer Firma verankert sind, muss sich das Produkt bezahlt machen, damit sich die Investitionen auch gelohnt haben und diese Firma nicht untergeht. Hat ein Produkt dann seine Aufgabe erfüllt, ist man gerne bereit es im richtigen Licht der „geringen Effizienz“ anzusehen – wenn man schon ein neues anzubieten hat. Ein „Merger“ großer Firmen folgt heute dem anderen, der Markt der Industrie ist beinhart, das liegt offen auf dem Tisch.

Nicht ganz so offen ist aber die Rolle der Ärzte und Wissenschafter in diesem Bereich, jener, die nicht voll bei diesen Firmen angestellt sind sondern hauptberuflich in anderen Institutionen arbeiten. Natürlich sind sie in der Lage Ihre eigene Meinung anderen Fachkollegen in einer Kaffeepause zuzuraunen, aber offiziell müssen sie sich an die vorgegeben Daten halten – linientreu! Haben Ärzte genug Kontrolle über die Produkte, die sie empfehlen und verabreichen? Können wir uns noch eine eigene Meinung bilden oder müssen wir uns nach den Ergebnissen großer, firmeninitiierter Studien richten? Muss der Patient bekommen, was er verlangt oder beschließt der Arzt gemeinsam mit dem Patienten die für ihn bestmögliche Therapie?

Chirurgische Studien, die nicht an ein Produkt gebunden sind interessieren derzeit wenig, da es hier keinen entsprechenden Markt gibt. Hier eine Unterstützung zu finden ist schwierig, diese Studien multizentrisch durchzuführen ist überaus mühsam und langatmig. Am Ende fehlt mancher dieser Studien die entsprechende Power, da sie häufig zu lange dauern. Große Studien sind eben teuer und personalintensiv und werden von unabhängigen Gremien nur in seltenen Fällen unterstützt und finanziert. Die Forschung ist daher auf die Unterstützung der Industrie angewiesen. Das kann befruchtend oder ein Dilemma sein.

Die zunehmend schlechtere finanzielle Positionierung der Ärzte und Reduktionen der finanziellen Abgeltung in jedem Bereich unserer „Dienstleistung“ könnte uns empfänglicher für zusätzliche Einnahmequellen machen. Verlangt man nach der Bekanntgabe der „financial interests“ bei einem Vortrag oder einer Publikation, tauchen nicht selten bis zu 10 verschiedene Firmennamen auf. Dies ist keine Anklage sondern nur eine Bestandsaufnahme.

Die Grenzen unserer Tätigkeit und Verantwortung müssen wir aber selbst bestimmen, sonst wird ein Freiberufler zu einem Erfolgsgehilfen. Wir sind dabei, unsere Unabhängigkeit zu riskieren, wenn wir nicht sehr auf der Hut sind.

Mit kollegialen Grüßen

Univ. Prof. Prim. Dr. Susanne Binder
Präsidentin der ÖOG