Von Dr. Erich Feichtinger, „Medical Network“

Avastin – billige Ersatzdroge für Lucentis?

Am 20. Juli 2005 ging das „Media & Ressource Centre“ der AMD Alliance International in Toronto mit einer Jubelmeldung an die Medien: „The fight against age-related macular degeneration (AMD) gained an important weapon this week, with news of a significant breakthrough in potential AMD treatment ...“

Was war geschehen? Am Vortag hatte Dr. Joan Miller vom Massachusetts Eye and Ear Infirmary der Harvard University bei einer Tagung in Montreal über sehr erfolgreiche klinische Tests mit einem neuen Medikament namens Raninzumab (Lucentis) berichtet, mit dem die AMD nach einjähriger Behandlung in 95 Prozent der Fälle gestoppt und die Sehfähigkeit bei einem knappen Viertel der Patienten sogar erheblich verbessert werden konnte.

Für einen exklusiven Kreis von Personen waren diese Zahlen keine Überraschung. Laut einer Enthüllungsstory der Seattle Times vom 7. August 2005 hatten Investment-Manager der Citigroup Smith Barney 26 Kliniker für Stundensätze bis 1000 Dollars interviewt, die an den Studien zum Neuling Lucentis teilgenommen hatten. Gezählte 23 von ihnen auch an Studien zum bereits zugelassenen Macugen der Firma Eyetech. Smith Barney machte am 5. Mai die Erkenntnisse der Kliniker in einem Report ausgewählten Klienten zugänglich. Als dann die Lucentis-Ergebnisse öffentlich wurden, sackten die Eyetech-Aktien ab und clevere Investoren strichen mit Hedge Funds in wenigen Wochen 40 Prozent Gewinn ein.

Der schnöde Mammon war es auch, der Lucentis noch vor der Zulassung in Europa einen Tiefschlag versetzte. Das angesehenen deutsche Blatt „Die Zeit“ rechnete Anfang April vor: „Nach bisherigen Schätzungen wird die Lucentis-Therapie Milliarden verschlingen, mehr jedenfalls, als der bisherige Kassenetat für die Augenheilkunde insgesamt aufweist.“

Der mögliche Finanzkollaps und vor allem die Nicht-Verfügbarkeit von Lucentis ließ einfallsreiche Augenkliniken einen Ausweg suchen. Sie fanden ihn im Präparat „Avastin“ (Bevacizumab), einem Mittel gegen Darmkrebs, das wie Lucentis in den Labors der US-Firma Genentech entwickelt worden war. Avastin ist nur für die Krebs­therapie zugelassen, blockiert aber ebenso wie Lucentis die Gefäßwucherungen in die Retina.

So klärt etwa die Augenklinik der Universität zu Köln ihre AMD-PatientInnen auf: „Warum setzen wir nicht gleich ‚Lucentis’ anstelle von Avastin ein? Lucentis ist noch nicht zugelassen und auch nicht erhältlich (...) Avastin ist erheblich preiswerter als Lucentis es sein wird!“ Zu den möglichen Nebenwirkungen von Avastin können die Kölner allerdings nur Vermutungen anstellen: „Diese Nebenwirkungen entstehen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, wenn das Medikament direkt in das Auge injiziert wird ...“ Vor allem, weil man auf die Frage, wie oft die Avastin-Injektion wiederholt werden muß, auch in Köln bisher nur sagen kann: „Wir wissen es nicht.“

Wie es weitergeht? Weder die Firma Genentech noch Vertriebs­partner Roche streben offenbar ein Zulassungsverfahren für Avastin in der Ophthalmologie an. Lucentis wurde im Februar 2006 bei der amerikanischen, europäischen, Schweizer und australischen Behörde zur Zulassung bei allen Formen der feuchten AMD eingereicht. Aufgrund der Zuerkennung eines beschleunigten Verfahrens ist in den USA und der Schweiz mit einer Zulassung Mitte des Jahres 2006 zu rechnen.