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Orthoptik in der Neurorehabilitation – ein Therapiebereich mit Zukunft
Von Barbara Beyweiß, OrthoptistIn in der Gailtalklinik Hermagor, Kärnten
20 – 40% aller Patientinnen und Patienten mit zerebrovasculären Erkrankungen und mehr als 50% aller Patientinnen und Patienten nach einem SHT (Schädel-Hirn-Trauma) leiden neben motorischen, sprachlichen und (neuro)psychologischen Beeinträchtigungen an Seh- und/oder Okulomotorikstörungen wie
O Beeinträchtigung der Augenbeweglichkeit (Okulomotorik) bei Augenmuskellähmungen (Paresen)
O Störungen der beidäugigen Zusammenarbeit (zentrale Fusionsstörung)
O Augenbewegungsstörungen wie z.B. bei raschen Augenbewegungen (Blickzielbewegungen); Probleme, einem bewegtem Objekt zu folgen
O Gesichtsfeldausfälle in unterschiedlichem Ausmaß (z.B. Halbseitenausfälle, Röhrensehen)
O Lesestörungen
O Visueller Neglekt (visuelle Vernachlässigung einer Raum- und Körperhälfte)
O Störungen visueller Raumwahrnehmungsleistungen wie z.B. Probleme beim Längen- und Distanzschätzen
Diese Störungen können unterschiedliche Beschwerden hervorrufen. Das Auftreten von Doppelbildern, ein herabgesetztes Sehvermögen oder ein Gesichtsfeldausfall ziehen schwerwiegende Konsequenzen nach sich. So kann es zu Orientierungsstörungen, zu Schwierigkeiten in der Erfassung von Wort und Bild, oder auch zu sogenannten asthenopischen Beschwerden (z.B. Kopfschmerzen, Augenbrennen, Verschwommensehen) kommen.
Diese Funktionsdefizite wirken sich limitierend auf die Therapieerfolge anderer Berufsgruppen wie Physio- und Ergotherapie, aber auch auf die Logopädie und die Neuropsychologie aus.
Eine orthoptische Untersuchung in der Neurorehabilitation umfasst folgende Schritte:
O Genaue Anamneseerhebung, da viele Patientinnen und Patienten diese Beschwerden erst bei genauem Nachfragen beschreiben
O Bestimmung der Sehschärfe für Nähe und Ferne und Überprüfung auf ausreichende Korrektur
O Prüfung der Augenstellung und Erhebung eines Binocularstatus
O Beurteilung von Augenmotilität, Konvergenz, Akkommodation und Pupillomotorik
O Beurteilung der supranukleären Augenbewegungen
O Beurteilung des Farben- und Kontrastsehens
Bei Verdacht auf einen Gesichtsfeldausfall wird ergänzend eine Perimetrie durchgeführt. Der Tischtest und spezielle Lesetests geben zusätzlich Auskunft über die Relevanz der Gesichtsfeldausfälle im Alltag. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit Ophthalmologen, die auch die Beurteilung des Augenhintergrundes und des Augeninnendruckes durchführen. Neben der wichtigen diagnostischen Tätigkeit kommt der Orthoptistin und dem Orhtoptisten im therapeutischen Bereich ein ebenso bedeutender Stellenwert zu.
Folgende Therapien werden im Rahmen der Neurorehabilitation durch Orthoptistinnen und Orthoptisten angeboten:
O Orthoptische Schulung des beidäugigen Sehens
O Explorationstraining bei homonymen Gesichtsfeldausfällen und visuellem Neglekt
O Training bei hemianopen Lesestörungen zum Erhalt oder Rückgewinn der Lesefähigkeit
O Okklusionstherapie bei Doppelbildern, die noch nicht durch Prismen behoben werden können
O Prismenversorgung bei Augenmuskelparesen oder stark ausgeprägter Fusionsstörung
O Erprobung geeigneter Brillengläser und vergrößernder Sehhilfen
Da besonders die Betreuung von Patientinnen und Patienten in der neurologischen Rehabilitation eine interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert, wurde vor einiger Zeit eine Arbeitsgemeinschaft von Orthoptistinnen und Orthoptisten mit dem Schwerpunkt „Neurorehabilitation“ gegründet, die unseren Berufsstand auch bei der „Plattform Neurorehabilitation“ des OEGNR (Österreichische Gesellschaft für Neuro Rehabilitation) vertritt.
Im Rahmen der Jahrestagung des OEGNR 2005 haben meine Kollegin Ursula Böhm und ich die Gelegenheit erhalten, unsere Arbeit in der Neurorehabilitation einem breiten Publikum vorstellen zu dürfen.
Im September 2005 wurde für zahlreiche interessierte Kolleginnen eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema „Homonyme Gesichtsfeldausfälle mit oder ohne visuellem Neglekt – Diagnostik und Therapie“ veranstaltet. Als Vortragenden konnten wir Herrn PD Dr. Georg Kerkhoff gewinnen.
Weitere Fortbildungen zu diesem Thema sind geplant, mit dem Ziel, möglichst viele Patientinnen und Patienten mit erworbenen Sehstörungen umfassend und auf hohem Niveau betreuen zu können. |