„Bei uns liegt die Kompetenz für Augengesundheit“
Im großen „Medical Network“-Interview spricht Bundes-Fachgruppen-Obfrau MR Dr. Helga Azem aktuelle Probleme der niedergelassenen Ophthalmologen an. Sie warnt vor Degression und Deckelung bei den Honoraren, weil das letzlich zur Zweiklassen-Medizin führt. Und sie verweist auf zusätzliche Einkommensquellen.
Medical Network: Frau Medizinalrat, geht es den österreichischen AugenärztInnen schon so schlecht, dass sich etwa eine Stelle in Vorarlberg monatelang nicht besetzen lässt?
Dr. Azem: Wenn wir uns nicht bewegen und den Zeitgeist erkennen, dann kann es schon sein, dass der niedergelassene Augenarzt eine unattraktive Existenz wird.
Konkret ist das oft eine Frage des Einzugsgebietes und der Honorierung. Manchmal ist der Einzugsbereich für eine modern ausgestattete Ordination mit ihren enormen Investitions- und Erhaltungskosten zu klein und bei größerem Einzugsbereich geht aufgrund des degressiven
Honorierungssystems ab einem bestimmten Punkt der wirtschaftliche Leistungsanreiz gegen Null. Es ist eigentlich unmoralisch, jemandem ein degressives System aufzuzwingen. Denn man mutet ihm entweder zu, Leistungen kostenlos zu erbringen oder man verleitet ihn, diese Leistungen
nicht zu erbringen. Das finde ich unethisch. Aufgrund des degressiven Systems gibt es
auch in Oberösterreich und Vorarlberg die längsten Wartezeiten. Das ist auch den verantwortlichen
Politikern durchaus bewusst, aber sie sehen aufgrund der Budgetsituation keine Lösung. Damit ist der Weg in die Zweiklassenmedizin vorgezeichnet.
Medical Network: Was kann eine Standesvertretung in dieser Situation tun?
Dr. Azem: Ich kann da nur für Wien sprechen. Wir machen bei den Verhandlungen klar, dass wir einer Degression, einer Honorarsummen- Deckelung niemals zustimmen werden.
Medical Network: Nun gibt es ja nicht nur die traditionellen Leistungen, sondern es tauchen viele neue Möglichkeiten und Anforderungen in der Diagnostik auf. Zum Beispiel das OCT.
Dr. Azem: Wir versuchen, auch neue Leistungen hineinzuverhandeln, das ist bisher aber daran gescheitert, dass die erzielbaren Honorare jedesmal weit unter betriebswirtschaftlich vernünftigen Grenzen gelegen wären. Wenn moderne, notwendige Leistungen nur zu einem wirtschaftlich unmöglichen Tarif akzeptiert werden, dann können wir das nicht annehmen, dann muss man das im kassenfreien Raum lassen, weil man den Ärzten damit wenigstens die Möglichkeit gibt, betriebswirtschaftlich kalkulierte Honorare zu verlangen. Bedenken muss man auch: Wenn es jemals einen Honorarsummen-Deckel gibt, dann haben wir diese Leistungen drinnen und bekommen sie auch wieder kaum oder gar nicht honoriert, weil wir unter dem Deckel bleiben müssen.
Medical Network: Also keine Wahrscheinlichkeit für OCT-Honorierung im niedergelassenen Bereich?
Dr. Azem: Aber nicht deshalb, weil ich persönlich kein OCT mache, sondern die laufenden Verhandlungen sind nach wie vor dadurch geprägt, dass die Finanzierung des Kassensystems ungesichert bleibt und dass auch noch nicht klar ist, was im niedergelassenen Bereich und was im
Krankenhausbereich erbracht werden soll. Da wird es, realistisch gesehen, nicht um neue, teure Leistungen gehen, die wir unterbringen können.
Medical Network: Wenn schon in den Kassenverhandlungen nicht mehr viel rauskommen wird, was kann dann der einzelne Augenarzt tun, um seine Situation zu verbessern und zukunftssicherer zu machen?
Dr. Azem: Jedem Augenarzt muss bewusst werden, dass er ein Unternehmen leitet. Eine Ordination ist ein Unternehmen. Mit allen Konsequenzen, wie etwa Betriebswirtschaftlichkeit, Kundenorientierung, Marketing. Unter diesem Gesichtspunkt kann ein Arzt gar nicht wollen, dass Kassenleistungen unter betriebswirtschaftlich nachvollziehbarem Niveau abgeschlossen werden.
Zur Kundenorientierung gehört, dass die Kunden – also die Patienten – zufrieden gestellt werden. Dazu gehört die Organisation von Wartezeiten, Terminvergabe. Das Negativimage – als Patient warte ich drei Monate, dann drei Stunden und in drei Minuten bin ich wieder bei der Tür draußen
– das müssen wir wegbringen. Die Patienten wandern sonst ab zu Parallelanbietern. Vor allem, wenn die es schaffen zu vermitteln, dass sie auch alles können und für das Auge da sind und noch dazu ein tolles Management und Service haben. Wir müssen es schaffen, dass die Patienten wissen, dass sie bei uns Qualität und Sicherheit bekommen und dass bei uns die alleinige Kompetenz für Augengesundheit und Vorsorge liegt. Dafür muss auch das gesamte Drumherum
verbessert und der Zeit angepasst werden.
Medical Network: Dafür auch der Tag der Augenvorsorge, der ja von den niedergelassenen
Augenärzten nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen worden ist?
Dr. Azem: Der Aktionstag war eine Aktion der ÖOG, die ich begrüße, weil sie uns die Gelegenheit gab, unser Image zu stärken. Zum ersten Mal macht sich die wissenschaftliche Gesellschaft auch Gedanken um die Zukunft des niedergelassenen Augenarztes. Mit Durchführungs-Termin und Planung der ÖOG und der PR-Agentur bin ich im September konfrontiert worden und ich habe von vornherein gesagt, dass es nicht praktikabel sein wird, Untersuchungen durchzuführen und diese Sache haben wir nach einer eingehenden Diskussion auch abgeändert. Bei der nächsten Aktion
werden wir auch die Jungen verpflicheten, mitzumachen, weil es ja schlussendlich um ihre künftige Existenz geht.
Medical Network: Warum hat man die Aktion thematisch an der Terminfrage festgemacht?
Dr. Azem: Weil uns vom Gesundheitsministerium immer wieder vorgeworfen wurde, dass die Terminsituation bei Augenärzten schlimm ist. Außerdem werden zur Terminfrage enorm viele Beschwerdebriefe an die Kammer geschrieben. Es hat sich in unserer Umfrage aber gezeigt, dass alle Akutfälle überall in Österreich sofort einenTermin noch am gleichen Tag bekommen.
Unabhängig von degressiven System. Niemand kann also sagen, dass der Arzt hier an erster Stelle seinen Verdienst sieht, sondern Vorrang hat der akute Bedarf der Patienten. Es war wichtig für uns, zu sehen, dass hier niemand alleingelassen wird. Bei geplanten Kontrollen und Vorsorgeuntersuchungen ist es den Patienten zumutbar, dass sie sich rechtzeitig für einen Termin anmelden und eine gewisse Vorlaufzeit einplanen.
Medical Network: Das sieht aber nicht jeder ein, der einen Termin will.
Dr. Azem: Das Patientenverhalten ist auch ungeduldiger als früher. Heut fällt's ihm ein und morgen will er's haben. Wir haben noch Vakanzen, vor allem bei Wahlärzten. Angedacht wurde in Wien eine Stelle, wo man diese Vakanzen erfragen kann.
Medical Network: Zum Thema Marketing. Augenärzte bieten in ihren Ordinationen zunehmend
erweiterte Leistungen an. Etwa Nahrungsergänzung und ästhetisch-chirugische Eingriffe. Bei Kontaktlinsen empfinden viele das Internet als große Gefahr.
Dr. Azem: Kontaktlinsen sind ein sehr gutes zweites Standbein. Wir können gegen Internetpreise
nicht angehen, sondern wir müssen hier Produkte wählen, die nicht im Internet erhältlich sind. Private Labels haben beim Patienten nicht die nötige Wertigkeit, aber Ärzte-Labels mit exzellenten Produkten könnten hier schon hilfreich sein. Wir sollten außerdem die ganze Linsenpalette
anbieten und nicht nur Weichlinsen, weil die einfacher anzupassen sind. Formstabile Linsen sollten beim Augenarzt der Standard sein.
Medical Network: In immer mehr Ordinationen werden auch Brillen angeboten.
Dr. Azem: Brillen halte ich für eine sinnvolle Ergänzung. Patienten können auf diese Art ohne zusätzliche Wege alles auf einmal erledigen. Allerdings muss auf eine eindeutige Trennung von Augenmedizin und Optik geachtet werden. Der Patient darf zu nichts gedrängt werden.
Medical Network: Zu den Newcomern in den Ordinationen zählen die Nahrungsergänzungsmittel.
Dr. Azem: Wir beraten, klären auf und übernehmen so die Verantwortung. Weshalb sollen
wir also additive Produkte nicht auch gleich abgeben? Wir führen ja nur Produkte, über die es Studien gibt und von denen wir fachlich überzeugt sind.
Medical Network: Danke für das Gespräch.
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