Erste Bachelor-Absolventinnen in der Orthoptik
Von FH-Prof. Christine Scharinger
In einigen europäischen Ländern kennt man sie schon länger, in Österreich sind sie eine Neuheit: die Bachelor-Abschlüsse in der Orthoptik.
Die ersten Orthoptistinnen Österreichs mit dem akademischen Titel eines Bachelor of Science (BSc) in Health Studies verlassen nun die Fachhochschule Salzburg. Sie kommen aus Salzburg, Oberösterreich und Kärnten und werden in Zukunft mit der gleichzeitig erworbenen Berufsberechtigung den Patientinnen und Patienten in Sehschulen, Kliniken und augenfachärztlichen Praxen ihr hochspezialisiertes Wissen und Können zur Verfügung stellen..
Die Aussagen der Studierenden des Studiengangs Orthoptik, die seit Herbst 2006 den ersten Orthoptik-Fachhochschulstudiengang Österreichs an der FH Salzburg besucht haben, geben sehr anschaulich die Motivationen wieder, warum junge Menschen dieses Studium wählen. Im Oktober 2009 werden acht Absolventinnen vom Rektor der Fachhochschule Salzburg, Dr. Erhard Busek, neben der Berufsberechtigung auch den akademischen Titel „Bachelor of Science in Health Studies“ entgegennehmen.
Sie sind damit die ersten akademischen Orthoptistinnen Österreichs und die ersten, die die erfolgreich verlaufene Implementierung der Ausbildung in den Fachhochschulsektor bekunden.
Die Ausbildung zur O rthoptistin / zum Orthoptisten gibt es in Österreich seit 1964,
damals wurden in Salzburg die ersten Maturantinnen zu Orthoptistinnen ausgebildet. Vorbild waren die englischen Training Schools, die seit den 1930er -Jahren in England bestanden. Die Ausbildung in Österreich entwickelte sich über die medizinischtechnische Schule zur Akademie für den orthoptischen Dienst bis zum FH-Bachelorstudium, welches an der FH Salzburg und seit 2007 auch an der FH Campus Wien angeboten wird. Der Aufnahmerhythmus zwischen Salzburg und Wien ist so abgestimmt, dass österreichweit jährlich mit 12 bis 15 AbsolventInnen gerechnet werden kann.
Die Etablierung der Ausbildung im Fachhochschulsektor wurde für eine hochschuladäquate
und qualitätsvolle Neustrukturierung genutzt. Der im Jahr 2006 vom Fachhochschulrat
akkreditierte Antrag wurde unter Berücksichtigung der gesetzlichen Rahmenbedingungen (MTD-Gesetz und FHMTD- Ausbildungsverordnung, Fachhochschulstudiengesetz und FHR-Akkreditierungsrichtlinien, Bologna-Declaration) von einem Entwicklungsteam unter Mitwirkung
von habilitierten und berufspraktisch qualifizierten Personen entwickelt. Dabei wurden aktuelle berufliche Bedürfnisse und Anforderungen eingearbeitet. Das Studium dauert sechs Semester und ist in modularer Form nach den Leitideen eines Fachhochschulstudiums aufgebaut:
• Es ist eine wissenschaftlich fundierte Berufsausbildung.
• Es vermittelt eine praxisbezogene, berufsqualifizierende und berufsbefähigende Ausbildung auf Hochschulniveau
• Qualität des Lehrkörpers (wissenschaftlich fundiert, Praxisnähe).
• Forschungsbezug (Wirkungs-, Evaluations-, Praxis-Forschung & Entwicklung).
• Institutionalisiertes Qualitätsmanagement (externe Evaluierung, internes Qualitätsmanagementsystem, studentische Lehrveranstaltungsevaluierung).
In Salzburg werden alle drei Jahre 12 Studienplätze angeboten, die interdisziplinär mit den Studiengängen Biomedizinische Analytik, Ergotherapie, Hebammen, Physiotherapie und Radiologietechnologie eng vernetzt sind.
Der Studienplan orientiert sich an den unterschiedlichen Niveaustufen (Einführung – Vertiefung – Professionalisierung) bzw. dem Komplexitätsgrad des zu vermittelnden Wissens:
Im ersten Jahr geht es um die Vermittlung von Grundlagen der Orthoptik und grundlegender relevanter medizinischer und gesellschaftswissenschaftlicher Inhalte der Bezugswissenschaften.
Im zweiten Jahr werden vertiefende fachlich-methodische Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten in klassischen Handlungsfeldern der Orthoptik wie Strabologie, Refraktion, Low Vision und Neuroophthalmologie vermittelt.
Im dritten Jahr steht die Professionalisierung und Spezialisierung in komplexen und interdisziplinären Handlungsfeldern derOrthoptik wie Neurologie, Neuropsychologie
und -rehabilitation sowie Pädiatrie im Mittelpunkt.
Die Förderung und Vermittlung von soziokommunikativen und Selbstkompetenzen der Studierenden findet kontinuierlich über das gesamte Studium statt, ebenso der wissenschaftliche
und strategische Kompetenzerwerb.
Zum Abschluss der praktischen Ausbildung bewiesen die Absolventinnen in den praktischen
Abschlussprüfungen, dass sie die in FH-MTD-AV geforderte Handlungskompetenz in ausgezeichneter Weise erreicht haben und den orthoptischen Prozess als Teil des medizinischen Gesamtprozesses fachgerecht durchführen können.
Im Vergleich zu der bisherigen Ausbildung an der ehemaligen medizinisch-technischen Akademie haben die Bereiche Professionelles Handeln, Interdisziplinarität und Wissenschaft an Bedeutung zugenommen.
Die Anwesenheitszeiten wurden reduziert, was den Studierenden ein Mehr an eigenverantwortlichem Lernen abverlangt. Nach wie vor gilt das in den Akademien bewährte duale Ausbildungsprinzip – neben der theoretischen Ausbildung gibt es eine praktische Ausbildung im gesetzlich geregelten Ausmaß von mindestens 25% des Workloads.
Die Ausbildung basiert auf enger Kooperation der Fachhochschule Salzburg mit den Salzburger Landeskliniken (SALK), insbesondere mit der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität.
Durch diese Konstellation können für die praktische Ausbildung Praktikumsstellen, qualifizierte PraktikumsanleiterInnen, aber auch die Expertise der medizinischen Universität sichergestellt werden – eine essentielle Voraussetzung für die Ausbildung im Gesundheitsberuf „Orthoptik“.
Das Berufspraktikum, ein im Studium fachlich begleiteter, evaluierter und stufenweise aufgebauter Lern- und Befähigungsprozess, ist in jedes Semester integriert. Die Studierenden erhalten die Gelegenheit, ausgehend von teilnehmender Beobachtung unter fachlicher Anleitung und Reflexion immer mehr Handlungsabläufe des orthoptischen Prozesses eigenständig und theoriegeleitet zu planen, durchzuführen und zu evaluieren.
Zur Sicherstellung der Qualität der verkürzten praktischen Ausbildung hat der Studiengang
Qualitätskriterien für die Praktikumsanleitung erarbeitet, die von den Studierenden und Praktikumsstellen ständig evaluiert werden. Zudem haben PraktikumsanleiterInnen die Möglichkeit, ihre Anleitungskompetenz in einem zehntägigen Zertifikatslehrgang zu vertiefen, der kostenfrei von den SALK angeboten wird. Der Studiengang steht durch Praktikumsbesuche und gemeinsame Patientendemonstrationen in intensivem Kontakt mit den Praktikumsstellen.
Die Spezialambulanz für Strabologie und Neuroophthalmologie der Universitätsaugenklinik Salzburg ist die größte Praktikumsgeberin.
Die Studierenden absolvieren dort rund 60% des Berufspraktikums. In den praktischen Ausbildungsprozess sind auch externe Orthoptik-Praktikumsstellen in Kliniken und in augenfachärztlichen Praxen in ganz Österreich eingebunden. So haben die Studierenden etwa Praktika in Linz, Wels, Innsbruck, Feldkirch, Klagenfurt und Graz absolviert. In einigen Auslandspraktika in München, Freiburg und Melbourne wurden die ersten internationalen Kooperationen geknüpft.
Neben der idealen Vernetzung von akademischem Wissen und praxisnaher Ausbildung erhalten die AbsolventInnen die bestmöglichen Chancen für ihre Zukunft auf dem Arbeitsmarkt und finden in der Praktikumsstelle oftmals ihren zukünftigen Arbeitgeber, wie dies bei mehr als der Hälfte der
Absolventinnen der Fall war.
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