Das Ende der Blaufilterlinse?
Neue Daten zur Assoziation von Katarakt-OP und AMD

Von PD Dr. Holger Baatz

Die Hypothese, dass kurzwelliges Licht bei der Entstehung der altersassoziierten Makuladegeneration (AMD) eine Rolle spielt und die kristalline Linse die Makula vor kurzwelligem
Licht schützt, wurde erstmals vor fast einhundert Jahren von van der Hoeve aufgestellt [van der Hoeve, 1918, v. Graefes Archiv f. Ophthalmologie, Bd. 98]. Vor diesem Hintergrund gab es im Zuge einer weiten Verbreitung der modernen Kataraktchirurgie seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts auch immer mahnende Stimmen, die in der Kataraktoperation bzw. der Pseudophakie einen Risikofaktor für Auslösung und Verschlechterung einer AMD sahen. Zahlreiche Autoren und Arbeitsgruppen haben seitdem versucht diese Frage zu klären. Eine Literaturanalyse des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) kam 2006 jedoch noch zu dem Schluss, dass keine der bis dahin publizierten Studien eine eindeutige Anwort auf die Frage erlaubte, ob die Kataraktoperation das Risiko für eine AMD erhöht.
Mehrere Umstände erschweren die Planung dafür geeigneter Studien, hauptsächlich die Notwendigkeit sehr hoher Fallzahlen und langer Nachbeobachtungszeiten.

Auf Seiten der Industrie sah man in der Unsicherheit eine Marktlücke und entwickelte Blaufilterlinsen („gelbe Linsen“), die nach Kataraktoperation einen protektiven Effekt haben sollten.
Dabei ist bemerkenswert, dass lediglich theoretische Überlegungen und tierexperimentelle Studien
einen Vorteil dieser Linsen möglich scheinen ließen, der klinische Nutzen wurde durch dafür geeignete Studien empirisch niemals nachgewiesen. Beachtet werden müssen auch potentielle
Nachteile solcher Linsen, z.B. mögliche Störung des zirkadianen Rhythmus, höhere Kosten,
mögliche Elution des gelben Farbstoffes aus der IOL und ggf. toxische Wirkungen auf intraokulare
Strukturen etc ...

Nun sind die Ergebnisse einer prospektiven epidemiologischen Arbeit veröffentlicht worden, die sogar den theoretischen Nutzen der Blaufilterlinsen in Frage stellen: Im 25. Report der AREDS-Studie [Risk of Advanced Age-Related Macular Degeneration after Cataract Surgery in the Age-Related Eye Disease Study, AREDS Report 25, Ophthalmology 2009; 116:297–303] wird darüber berichtet, dass keine Assoziation zwischen dem pseudophaken Status eines Auges und dem Auftreten einer neovaskulären AMD gefunden wurde. Für die Progression einer geografischen AMD wurde sogar ein (statistisch) protektiver Effekt der Pseudophakie gefunden. Aus mehreren Gründen sind die Ergebnisse dieser Studie besonders bemerkenswert. Zum einen handelt es sich bei der AREDS um die wohl größte und aufwendigste prospektive epidemiologische Studie zur AMD (8050 Augen, mittlere Nachbeobachtungszeit 9,5 Jahre). Andererseits widersprechen die Autoren hier ihren eigenen Ergebnissen aus früheren Untersuchungen, nämlich der Beaver Dam und Blue Mountain-Studie. Dort wurden die Daten noch so interpretiert, dass man die Kataraktoperation als Risikofaktor für eine Progression der AMD wertete. Man darf davon ausgehen, dass man sich nur aufgrund einer besonders soliden Datenlage zu der Revision früherer Ergebnisse veranlasst sah. Die Autoren diskutieren mögliche Ursachen der widersprüchlichen
Ergebnisse und sehen mögliche Gründe in der modernen Kataraktchirurgie. Ein hoher Anteil
der Patienten aus den älteren Untersuchungen wurde nach der Kataraktextraktion aphak belassen.
Ferner sind alle modernen IOLs bereits mit einem UV-Filter ausgestattet.
Damit sprechen die neuen E rgebnisse der AREDS dagegen, dass die Implantation einer Blaufilterlinse eine sinnvolle präventive Maßnahme darstellt.

PD Dr. Holger Baatz
Aurelios Augenzentrum
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