OCT in der Praxis
Von Dr. Christoph Mitsch, Dr. Matthias Bolz, Univ.-Prof. Dr. Ursula Schmidt-Erfurth
An der Klinik ist sie schon seit vielen Jahren nicht mehr wegzudenken und auch in den Ordinationen der niedergelassenen Fachärzte für Augenheilkunde scheint sich die Modalität der optischen Kohärenztomographie (OCT – optical coherence tomography) der Retina zunehmend zu etablieren.
Die optische Kohärenztomographie stellt eine einfache, schnelle und objektive bildgebende Grundlage zur Diagnose von Veränderungen an der Netzhaut und ihren benachbarten Strukturen
dar. Durch Funktionen wie etwa die Möglichkeit zur Verlaufsbegutachtung (durch die Anwendung hocheffizienter Trackingsysteme) wird sie ein immer wirkunkgsvolleres Instrument zur ophthalmologischen Klassifikation und Diagnose.
Die Funktionsweise basiert auf der Analyse der bei der Überlagerung eines Referenzlichtstrahls
bekannten phasischen, spektralen Eigenschaften mit einem durch ein Objekt (der Retina) zurückgeworfenen Lichtstrahl und den daraus entstehenden Interferenzen. Ein moderner Algorithmus rekonstruiert aufgrund dieser gewonnenen Informationen zunächst ein grob dem im
Ultraschall entstehenden A-Scan entsprechendes Bild, in welchem die Reflektivität von unterschiedlich weit von der Lichtquelle entfernten Strukturen durch unterschiedliche Intensität abgebildet wird. Durch Nebeneinanderlagern solcher A-Scans entstehen höchst auflösende, zweidimensionale Tomographien der Netzhaut. Dieses Bildmaterial erlaubt zum derzeitigen Stand der Technik eine Diagnostik in vivo, welche früher den Histologen vorbehalten war. Zuletzt
erlaubt eine dreidimensionale Rekonstruktion der retinalen Oberflächen deren genaue Bewertung hinsichtlich topographischer Veränderungen wie beispielsweise Netzhautlöchern, Ödemen, Atrophien und Narbenbildungen und deren axiale und radiale Ausdehnung und Struktur.
Die genannten morphologischen Symptome sind charakteristisch für häufige retinale Erkrankungen wie z.B. die altersbedingte Makuladegeneration und die diabetische Retinopathie. Dieser diagnostische Vorteil und die Möglichkeit zur Verlaufsbeobachtung machen den Einsatz des OCT im alltäglichen Umgang mit den genannten und vielen weiteren Erkrankungen beinahe unumgänglich.
Keine andere bildgebende Untersuchung erlaubt eine derartig informationsreiche objektive Dokumentation dreidimensionaler und/oder in tieferen Schichten liegender retinaler Veränderungen. Der Fundusphotographie, die trotz aufwändiger Aufnahmeprotokolle, wie etwa 7-Feld-Stereo, keine objektiven dreidimensionalen Daten liefert, stehen reproduzierbare Informationen über Netzhautdicken und -volumina in verschiedenen Arealen der Netzhaut durch
das OCT gegenüber. Ein Beispiel hierfür ist die Dickenmessung der Retina in den Zonen des ETDRS-Grids.
Aktuelle intravitreale Therapieoptionen für die Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration
oder der diabetischen Retinopathie benötigen zur Indikationsstellung eben jene objektivierte qualitative und quantitative Information, die moderne, hochauflösende OCT-Geräte liefern - sowohl
akut als auch insbesondere im Verlauf. Hat sich eine diabetische Retinopathie stabilisiert?
Ist das Makulaödem zurückgegangen, ist es aus einer diffusen in eine zystische Form übergegangen oder liegt etwa neu aufgetretene subretinale Flüssigkeit vor? Diese und viele weitere Fragen stellen wir uns, wenn die Entscheidung über eine intravitreale Behandlung, eine alternative Therapievariante oder ein therapiefreies Intervall mit Observanz notwendig ist. Studien haben dabei gezeigt, dass das starre und teure Behandlungsschema einer monatlichen antiangiogenetischen Therapie durch eine regelmäßige Befundkontrolle im OCT deutlich flexibler, schonender und kostensparender durchgeführt werden kann.
Abgesehen davon lassen sich auch weitere ophthalmologische Veränderungen diagnostisch
mit dem OCT erfassen. So haben etwa Neuroophthalmologen und Glaukomspezialisten Interesse an den Informationen, die eine so einfache Untersuchung wie die der optischen Kohärenztomographie
ergibt.
Besonderes Augenmerk ist auf die OCT-Untersuchung bei der Früherkennung von Erkrankungen zu legen, wobei die Identifikation einer Veränderung intraretinaler Grenzstrukturen,
aber auch der Diskontinuität der Photorezeptorzellschicht, eine Verdickung des Pigmentepithels oder eine mögliche vitreale Traktion sofortiges therapeutisches Handeln indizieren können. Komplementär zu den bereits seit langer Zeit etablierten morphologischen Routineuntersuchungen
vervollständigt diese, in ihrer Aussagekraft mit Sicherheit noch lange nicht ausgeschöpfte bildgebende Technologie somit jenen Gesamteindruck, den sich der Ophthalmologe von jedem Patienten mit retinalen Pathologien verschaffen möchte. Jedoch nicht nur in ihrer Aussagekraft sondern auch in ihrem Einsparungspotenzial und diagnostischen Spektrum ist die optische
Kohärenztomographie erst am Beginn einer mit Sicherheit steilen „Karriere“ als apparative Untersuchungsmethode. Ein Ziel der aktuellen Forschung ist es zum Beispiel, mit Hilfe der oben beschriebenen Technologie ganz andere Methoden, wie etwa die belastende, invasive Fluoreszenzangiographie, abzulösen.
Das OCT scheint große Bereiche der retinalen Ophthalmologie zu revolutionieren – und dieser Prozess scheint noch lange nicht abgeschlossen zu sein. Es bleibt also spannend, miterleben zu dürfen, wie diese junge Technologie unser Fach revolutioniert.
Univ.-Prof.in Dr.in Ursula Schmidt-Erfurth
Leiterin der Univ. Klinik für Augenheilkunde und Optometrie,
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