Der zweite Gesundheitsmarkt:
Herausforderung, Chance und Vision

Helga Azem, Fachärztin für Augenheilkunde und Optometrie und Fachgruppenobfrau in der Wiener Ärztekammer,über Gesundheit als Lifestyle-Faktor, ein gesteigertes Interesse der Bevölkerung an gesundem Lebensstil und über die beruflichen Möglichkeiten, die der zweite – privat finanzierte – Gesundheitsmarkt Ärztinnen und Ärzten eröffnet.

Ob gesunde Ernährung, Sport oder Wellness – Gesundheit ist heute ein Lifestyle-Faktor und wird zumindest schon bei einem Teil der Bevölkerung groß geschrieben. Die immer größer werdende Palette an Wellnessprodukten sowie die breite Vielfalt an Sportmöglichkeiten zeigen, dass die Bereitschaft der Österreicherinnen und Österreicher, für ihre Gesundheit Geld in die Hand zu nehmen, stetig ansteigt.

Während in den Medien also über die Finanzierbarkeit unseres Gesundheitssystems diskutiert wird, hat sich neben der klassischen Gesundheitsversorgung ein zweiter, privat finanzierter Gesundheitsmarkt entwickelt. Während der erste Gesundheitsmarkt Hauptakteure nicht nur am ersten, sondern auch am zweiten Gesundheitsmarkt sein.

Der private Konsum von und das ständig wachsende Interesse der österreichischen Bevölkerung an Gesundheit führen zu zahlreichen neuen Angeboten im Gesundheitsmarkt: Wellnesshotels und -ressorts werden gebaut, Zentren für alternative Medizin erstellt, Gesundheitszeitschriften initiiert, Ernährungsberatung, Life-Style-Medizin und Lebenscoaching angeboten. Herr und Frau Österreicher investieren durchschnittlich 79 Euro pro Monat in Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen, das sind im Durchschnitt 3,1 Prozent der monatlichen Verbrauchsausgaben. Diese Ausgaben sind zwischen 1999/2000 und 2004/2005 um 38 Prozent gestiegen. Demnach ist Gesundheit auf der Wichtigkeitsskala der österreichischen Bevölkerung ganz nach oben gerückt.

Mehr unternehmerisches Denken bei Ärzten ist notwendig
In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen kommt immer wieder heraus, dass vielen Medizinern noch nicht klar ist, welche Chancen der zweite Gesundheitsmarkt tatsächlich bietet – sowohl für die Bevölkerung als auch für unseren Berufsstand. Deshalb sollten wir einen Blick auf die Apotheken wagen und den Kolleginnen und Kollegen raten, sich dort umzusehen, was den Kunden angeboten wird. Die Apotheke hat den Gesundheitsmarkt bereits für sich entdeckt und ist zu einem Managementzentrum rund um die Themen Gesundheit und Lifestyle geworden.

Unternehmerisches Denken liegt vielen Ärztinnen und Ärzten nicht nur fern, sondern wird sogar mit starkem Misstrauen beäugt – meiner Meinung nach zu Unrecht. Denn gerade in wirtschaftlichen Krisen, wie wir sie derzeit spüren, müssen auch wir uns neuen Möglichkeiten öffnen. Zahlreiche neue Berufsgruppen strömen auf den zweiten Gesundheitsmarkt und bieten ihre Leistungen an: Gesundheitscoaches, Wellnesstrainer, etc. Es ist mittlerweile ein wahrer Dschungel an neuen Berufsbezeichnungen entstanden und wahrlich nicht einfach für die Kundinnen und Kunden, sich hier zurecht zu finden und nachzuvollziehen, wie seriös der jeweilige Anbieter ist.

Eben aus diesem Grund ist es mir ein großes Anliegen, dass wir Ärztinnen und Ärzte unsere Kompetenzen und Fähigkeiten auch in den zweiten Gesundheitsmarkt einbringen.

Neben den klassischen Untersuchungsspektren des Augenarztes sollten wir zunehmend Leistungen anbieten, die nicht von der Sozialversicherung gedeckt werden, wie beispielsweise GDX, OCT etc. Wir müssen unser gesamtes Leistungsangebot verbreitern – ganz nach dem Motto: Alles kommt aus einer Hand und alles kann an einem Ort erworben werden. Konkret heißt das, dass Kontaktlinsen nicht nur angepasst, sondern auch verkauft werden, und dass auch gleich eine Brillenoptik angeboten wird. Die Brillenoptik in der Nähe der Augenarztordination wird vom Patienten sehr positiv angenommen, weil zusätzliche Wege wegfallen. Eine kompetente und gute Zusammenarbeit zwischen Augenarzt und Augenoptiker wird vom Patienten und Kunden sehr geschätzt.

Ein weiteres Leistungsspektrum umfasst so genannte „diätetische“ Nahrungsergänzungsmittel, Cremenersatzprodukte und Pflegeprodukte für die Augenpartie. Der Patient sollte beim Augenarzt nicht nur die Empfehlung erhalten und damit weiter an die Apotheke geschickt werden, sondern die Produkte direkt vom Augenarzt beziehen können. Denn es ist nicht einzusehen, dass wir den Zeitaufwand für die Aufklärung und auch die Verantwortung für Wirkung und Verträglichkeit des Produktes auf uns nehmen, der Umsatz oder Gewinn dann aber nur an den Apotheker abfällt. Mit wenig Aufwand ist eine direkte Abgabe in der Ordination möglich. Besonders interessant sind natürlich Produkte, die nur mehr bei Ärzten abgegeben werden – wie es in der Dermatologie bereits gang und gäbe ist.

Der zweite Gesundheitsmarkt ermöglicht Menschen zusätzlich zur primären Gesundheitsversorgung ein gesünderes Leben. Wir sollten unseren Beitrag dazu leisten, die Bevölkerung auf ihrem Weg dorthin zu unterstützen und unsere Fähigkeiten und Kenntnisse zu diesem Zweck am zweiten Gesundheitsmarkt anbieten.