Das Leistungsspektrum der Orthoptistin / des Orthoptisten in der Facharztpraxis für
Augenheilkunde und Optometrie

Der Tätigkeitsbereich der Orthoptistin* – die Orthoptik und Pleoptik, zwei umfangreiche Spezialgebiete der Augenheilkunde – beschränkt sich seit vielen Jahren nicht mehr nur auf strabologische Einrichtungen der Augenabteilungen in Krankenhäusern, sondern hat sich kontinuierlich auch auf die Augenfacharztpraxis
ausgeweitet und ausgelagert.

Von Elisabeth Schandl

Waren früher die Aufgaben der Orthoptistin vorwiegend in der Therapie angesiedelt – die Behandlung von schielenden und amblyopen Patienten – so hat sich heute das Aufgabenspektrum im Bereich der Diagnostik enorm erweitert.

Die gute Zusammenarbeit der beiden Gesundheitsberufe Fachärztin/Facharzt für Augenheilkunde und Optometrie und Orthoptistin/ Orthoptist hat eine lange Tradition, das Berufsbild des orthoptischen Dienstes ist seit Jahren gesetzlich verankert und steht nicht in Konkurrenz zum Berufsbild der Augenheilkunde und Optometrie.

Wir Orthoptistinnen sind auf Grund unserer fundierten Ausbildung in Theorie und Praxis kompetente Mitarbeiterinnen in den Augenfacharztpraxen geworden und tragen somit wesentlich zur Qualität der Patientenversorgung bei größtmöglicher Betreuungsfrequenz bei.

Das Dienstleistungsangebot in einer Facharztpraxis wird durch die Zusammenarbeit mit uns Orthoptistinnen wesentlich erweitert und die medizinischen Ressourcen werden, bei optimalem Organisationsablauf durch alle im Bereich der Patientenbetreuung tätigen Berufsgruppen, bestmöglich genutzt.

Orthoptistinnen können folgende Leistungen auch in Augenfacharztpraxen anbieten

ORTHOPTIK
Die Augenfacharztpraxis ist die erste Anlaufstelle für Personen aller Altersgruppen im Bereich der Prävention, Diagnostik und Therapie unterschiedlichster Krankheitsbilder der Augenheilkunde. Neben der umfangreichen orthoptischen Diagnostik und Therapie von Heterophorie, Strabismus, Amblyopie, Binokularstörungen, Diplopie, Nystagmus, Motilitätsstörungen, Augenmuskelparesen und Gesichtsfelddefekten sind wir Orthoptistinnen ebenso bei der Visusprüfung, der Brillenglasbestimmung (subjektiv und objektiv mittels Skiaskopie in Cycloplegie), der Anpassung von Prismenbrillen, der Abklärung von asthenopischen Beschwerden, der Abklärung von Sehbeschwerden bei Bildschirmarbeit, Schwindel, Kopfschmerzen, der Abklärung von visuellen Störungen bei neurologischen Erkrankungen und bei Patienten mit Lese-Rechtschreibschwäche/Legasthenie tätig.

Für die orthoptische Diagnose ist die Orthoptistin eigenverantwortlich und der orthoptische Befund, sowie die Anamnese (welche auch meist von der Orthoptistin bei der Erstuntersuchung erhoben wird) werden vom Augenarzt bei Stellung der fachärztlichen Diagnose miteinbezogen. Die orthoptische Therapie (Wahl der Therapiemethode, Dauer der Therapie) ist vielfältig und muss auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt sein. Auf Grund ihrer Beschwerden sind orthoptische Patienten oft Langzeitpatienten, die außerdem häufiger als andere Personen die Praxis besuchen müssen. Die Amblyopietherapie (Okklusion), die orthoptische Binokulartherapie und das visuelle Explorations- und Lesetraining bei Gesichtsfeldausfällen erfordern im Organisationsablauf einer Ordination ein spezielles Zeitmanagement.

Auf Grund der demographischen Entwicklung wird auch der Tätigkeitsbereich der geriatrischen Orthoptik in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Wir sind mit den orthoptischen Beschwerden älterer Menschen (Strabismus senilis mit Diplopie, Lesebeschwerden, dekompensierte Phorien auf Grund von Visusabfall ...) vertraut und können in den meisten Fällen die Beschwerden durch die richtige Therapie beseitigen oder zumindest lindern.

VERGRÖSSERNDE SEHHILFEN (VSH) – LOW VISION
Die Ausbildung zur Orthoptistin / zum Orthoptisten beinhaltet ebenso den Bereich der Betreuung von sehbehinderten sowie sehund mehrfachbehinderten Menschen. Auf Grund der genauen Kenntnis der physiologischen und pathologischen Vorgänge bei Sehbehinderungen ist es möglich, Menschen mit besonderen Bedürfnissen im Zuge der visuellen und optischen Rehabilitation zu betreuen. Die Anpassung von vergrößernden Sehhilfen wie Kantenfiltergläsern, Lupen und Lesegeräten ermöglicht eine Erweiterung des Angebotsspektrums der Ordination.

KONTAKTLINSENANPASSUNG
Auch das Wissen um die Grundlagen der Kontaktlinsenanpassung ist bereits Teil
der Ausbildung an den Fachhochschulen für Orthoptik (früher Akademien) geworden. Viele Orthoptistinnen investieren zusätzlich in ihre Weiterbildung und belegen entsprechende Ausbildungsmodule bei Kontaktlinsenherstellern.

Auch im Zeitalter der refraktiven Chirurgie ist die Nachfrage nach Kontaktlinsen ungebrochen groß. Die Patienten schätzen die Beratung durch Augenarzt und Orthoptistin, da für die Kontaktlinsenträger die beste medizinische Versorgung ihrer Augen von höchster Bedeutung ist. Das Leistungsangebot Kontaktlinsenanpassung nimmt meist viel Zeit in Anspruch, sodass jedes Team einer Augenfacharztpraxis hierbei ein optimales Aufgabenmanagement erstellen muss, um bestmögliche Qualität anbieten zu können.

OPHTHALMOLOGISCHE UNTERSUCHUNGSMETHODEN
Wie bereits erwähnt, wird in manchen Ordinationen die Visusprüfung für Ferne und Nähe, sowie die Refraktion von der Orthoptistin durchgeführt. Da sich das ophthalmologische Leistungsangebot im Laufe der Jahre im niedergelassenen Bereich immer mehr erweitert hat, werden in den Praxen gewisse ophthalmologische Untersuchungen, auf Anordnung des Arztes, durch die Orthoptistin durchgeführt, die auf Grund ihres Berufsbildes dazu auch berechtigt ist. Die Interpretation der Befunde und die ophthalmologische Behandlung erfolgt dabei ausschließlich durch den Arzt.

In vielen Augenarztpraxen werden daher die Patienten, vor allem wenn es sich um Erstkonsultationen handelt, immer auch von einer Orthoptistin untersucht.

Durch die fundierte Ausbildung ist es uns Orthoptistinnen möglich, die notwendigen Voruntersuchungen gezielt und effizient durchzuführen bevor der Patient zur Behandlung zum Augenfacharzt kommt, dadurch wird die Wartezeit der Patienten in der Ordination verkürzt.

KOORDINATIONSAUFWAND
Um möglichst viele Personen qualitativ hochwertig betreuen zu können, ist es unbedingt notwendig, dass die Möglichkeit vorhanden ist, verschiedene Patienten zeitgleich untersuchen zu können. Dies erfordert für die Orthoptistin einen eigenen Behandlungsraum und eine effiziente Terminvergabe. Eine regelmäßige Teambesprechung mit allen Mitarbeitern, zur Optimierung der Abläufe, ist dazu unbedingt notwendig. Die Wartezeit auf einen Termin und die Wartezeit in der Ordination sind für den Patienten die wichtigsten Qualitätsmerkmale.

QUALITÄTSSICHERUNG
Die regelmäßige Fortbildung ist für die Orthoptistin Pflicht, der finanzielle Aufwand für die Fortbildungen wird aus Gründen der Qualitätssicherung von immer mehr Dienstgebern übernommen. Optimale Betreuung durch den Arzt und seine Mitarbeiter wird als selbstverständlich vorausgesetzt, umso kritischer wird es von der Bevölkerung gesehen, wenn die Behandlung durch das Praxisteam als nicht zufriedenstellend empfunden wird.

Unser Gesundheitssystem ist im Umbruch und immer mehr Gewerbeberufe drängen „in die lukrative Branche Gesundheit“, ohne die medizinisch-wissenschaftlichen Grundlagen oder gesetzlichen Voraussetzungen für die Behandlung von Patienten zu haben. Umso wichtiger ist es, durch die kompetente Zusammenarbeit der beiden Gesundheitsberufe Orthoptik und Augenheilkunde die Qualität der Patientenversorgung zu erhalten und zu verbessern.