Refraktometrie und Tränenfilm

Mit immer mehr und höher technisierter Gerätschaft wird von Experten der Refraktion und ihrer Messung zu Leibe gerückt. Trotz des hohen Aufwandes enttäuscht gelegentlich die Streuung der Resultate. Ursachen derartiger „unerwünschter Nebenwirkungen“, im Klartext Fehl-Messungen, sind in der Qualität des Tränenfilms zu suchen. Unter Anderem.

Von Univ.-Prof. Dr. Peter Heilig

Optimierte Qualität des Tränenfilms – übersetzt für den Patienten: die Hochglanz-Politur des Auges – ist eine conditio sine qua non (Rieger) für jede Art der Funktionsprüfung (Visus centralis, Perimetrie etc.) der Refraktometrie, von Untersuchungen der Hornhaut-Topographie, kornealen Wellenfrontmessungen und -berechnungen etc. Über einen Boom von „Anterior Segment Analysis Tools“ wird berichtet (Auffarth).

Eine der Tücken des Tränenfilms liegt in seiner Dynamik. Lipide spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Hochziehen und gleichmäßigen Verteilen des Tränenfilms während der Öffnungs-Phase des Lidschlages (Jones). Trotz suffizienten Tränen- Volumens (Koh) können rasche (häufig unbemerkte) Änderungen der Qualität des Tränenfilms sich grob störend auswirken. Davon können leidgeprüfte Optiker, Optometristen und Augenärzte ein Lied singen. Der Untersuchte (Kunde, Patient) bemüht sich krampfhaft dargebotene Fixier-Lichter oder Optotypen zu sehen, zu fixieren und zu erkennen, dabei wird – unwillkürlich – der Lidschlag unterdrückt. Die „borderline cases of evaporative dry eye“ mit kurzer Aufreißzeit des Tränenfilms (Tear Breakup Time, TBUT) produzieren gelegentlich oben erwähnte Störungen (Higher Order Aberrations, HOAs). Fehler schleichen sich ein – im wahrsten Sinne des Wortes.

Klimaanlagen, Zentralheizung, Luftverschmutzung, Zigarettenrauch, Feinstaub, unterdrückter Lidschlag etc. addieren oder multiplizieren sich nicht selten und werden zu unerwünschten und oft unvermeidlichen Störfaktoren. Prophylaktisch sollte, vor allem unter derartig ungünstigen Bedingungen versucht werden, rechtzeitig vor Refraktometrien den Tränenfilm zu „stabilisieren“. Dies ist oft leichter gesagt als getan (Horwath-Winter, Rekvig, Tiffany). Rechtzeitig bedeutet, dass das Intervall zwischen der Applikation künstlicher Tränenflüssigkeit und der Untersuchung lang genug sein soll. Andernfalls kann Schlierenbildung und unregelmäßige Verteilung dieser Substanzen empfindlich stören. Sobald das Intervall zu lang wird, kann es neuerdings zu unregelmäßigen und wechselnden „Ausdünnungen“ des Films oder sogar Austrocknungs-
Phänomenen kommen.

Besonders lehrreich war das Phänomen des „Trockenen Auges“ bei einem Patienten zu beobachten, welcher am Tag der Untersuchung „keinen Tropfen Flüssigkeit“ zu sich genommen hatte. Eintropfen, Einsprühen, selbst wiederholte Applikation von künstlicher Tränenflüssigkeit führte nicht zum gewünschten Erfolg – ähnliche‚ „therapierefraktäre“ Situationen wurden auch bei starken Rauchern beobachtet. Dysfunktion Meybom’scher Drüsen, Androgendefizit, Endokrinopathien (z.B. Polycystic ovary syndrome, PCOS), Sjögren und weitere schwere Störungen stellen ganz besondere Herausforderungen für die „Hohe Schule“ der Refraktometrie und die „Trockene Augen“-Ambulanzen dar.

Zusammenfassung Suffiziente „Optimierung des Tränenfilms“ wird in zunehmendem Maße zu einer unverzichtbaren Voraussetzung vor Refraktometrien und Funktions-Prüfungen des visuellen Systems.

LITERATUR:
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