Es droht die Verstaatlichung
des Gesundheitswesen
Helga Azem, Obfrau der Sektion Fachärzte der Ärztekammer für Wien, über die gefährlichen
Auswirkungen eines verstaatlichten Gesundheitssystems für Patienten und Ärzte
gleichermaßen und welche Alternativvorschläge die Facharzt-Ordinationen vor dem Ruin
retten könnten. Als Anfang Oktober die Absicht von Bund und
Ländern bekannt wurde, im Rahmen einer
15a-Vereinbarung ambulante Versorgungszentren
zu etablieren, fühlte sich die Ärzteschaft – völlig
zu recht – überrumpelt. Die Pläne dazu waren unter
gänzlichem Ausschluss der ärztlichen Standesvertretung
geschmiedet worden. Damit ist auch die Intensität
der darauffolgenden Ereignisse zu erklären
und meiner Meinung nach auch nachvollziehbar.
In konstruktiven Gesprächen zwischen Ärztekammerpräsident
Walter Dorner und Gesundheitsministerin
Andrea Kdolsky konnten die Unstimmigkeiten
jedoch letztlich aus dem Weg geräumt werden.
Gemeinsam wurde beschlossen, dass künftig
in Arbeitsgruppen über Versorgungsformen im
niedergelassenen Bereich diskutiert werden wird.
Unserer Gesundheitsministerin zufolge wurden die
Ambulanten Versorgungszentren damit um zwei
Jahre verzögert. Ich betrachte dies als einzigartige
Chance, dass wir Ärzte selbst in der Entwicklung
von Versorgungsformen mitwirken und unsere
Vorstellungen und Wünsche mit einbringen können.
Denn es gilt zu verhindern, dass auch in unserem
derzeit noch hervorragenden Gesundheitssystem
bald das Motto gilt: weniger Leistungen für höhere
Versicherungsbeiträge. Wir Fachärztinnen und
-ärzte würden damit einem Ende unserer Ordinationen
entgegensehen.
Nach der Adaptierung der 15a-Vereinbarung
entsprechend den Forderungen der Ärzteschaft
konnte man sich darauf einigen, dass die in einer
Nebenabrede zum Staatsvertrag dem Arbeitsminister
eingeräumte Möglichkeit zur Ausweitung der spitalsärztlichen
Dienste von den Ländern und Gesundheitsministerin
Kdolsky nicht unterschrieben wird.
Eine schrankenlose Verlängerung der Arbeitszeiten
in den Krankenhäusern steht damit nicht mehr zur
Diskussion. Die Ärztekammern werden zudem weiterhin
die Qualität der praktischen ärztlichen Ausbildung
im Spital maßgeblich mitbestimmen. Damit
wurde verhindert, dass die Spitalseigentümer
die Ausbildungskriterien nach eigenen finanziellen
und/oder organisatorischen Interessen selbst definieren
und kontrollieren. Ein Arbeitskreis zwischen
Kammer und Ministerium wird sich in nächster Zeit
eingehend mit diesem Problem befassen. Auch die
Erstellung der Stellenpläne und des Leistungsprofils
für die Gesundheitsversorgung durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte verbleibt in der Autonomie
der Vertragspartnerschaft zwischen Ärztekammern
und Sozialversicherungen.
Folglich gilt es nun, wachsam zu bleiben, die
Umsetzung dieser Versprechen genau zu kontrollieren
und zu beobachten, um bei eventuellen Verstößen
gegen die Vereinbarung rasch zu handeln.
Strategien für eine progressive
medizinische Behandlung
Wir müssen uns daher gegen diese vom Staat willkürlich
herbeigeführte Situation mit allen Mitteln
zur Wehr setzen. Nun gilt es, den verantwortlichen
Gesundheitspolitikern Alternativvorschläge und
-strategien zu präsentieren. Besonders im Bereich
der Fachärzte müssen wir berzeugungsarbeit dahingehend
leisten, dass es bessere Lösungen gibt,
wie man den Patienten viele Leistungen an einem
Ort anbieten kann. In Form von Ärzte-GmbHs beispielsweise,
die sich – im Unterschied zu den ambulanten
Versorgungszentren – dadurch auszeichnen,
dass Ärzte Ärzte anstellen können. Damit wird vermieden,
dass Private in diesen Bereich hineindrängen
und der Profilierungs- und Profitgedanke den
medizinischen Aspekt überwiegt.
Zugleich könnte damit die apparative und auch
die personelle Infrastruktur von einem großen Ärzteteam
genutzt werden. Die Patienten würden von dem
Angebot an verschiedensten medizinischen Spezialisierungen
an einem Ort großen Nutzen tragen.
Im Zeichen einer progressiven medizinischen
Behandlung sollte man auch die Kombination mit
anderen Angeboten aus dem Gesundheitsbereich
andenken und durchaus auch weitere Gesundheitsberufe
dazu einladen, ihre Leistungen gemeinsam
mit den Ärzten anzubieten. Auch wenn wir uns damit
auf noch unbekanntes Terrain begeben, glaube
ich, dass wir über den Medizinsektor hinausschauen
und das Konsumentenverhalten beobachten sollten.
Denn auf diese Weise könnten wir unsere Patientinnen
und Patienten als Konsumenten der Ware„Gesundheit“ betreuen, wie dies in den USA beispielsweise
schon im Bereich Dermatologie gang
und gäbe ist. Im Sinne der bestmöglichen Versorgung
unserer Patientinnen und Patienten sollten
wir nicht auf alte Strukturen beharren, sondern für
Neues offen bleiben, natürlich immer unter der Prämisse,
dass die Patientenbetreuung in den ärztlichen
Händen bleiben muss. |