Therapie der neovaskulären AMD:
Was bringt die Zukunft?
Prof. Dr. Michael Stur, Wien
Die Einführung von Lucentis
(Ranibizumab,
Genentech/Novartis) hat
zu einem Paradigmenwechsel
bei der Therapie der neovaskulären
AMD geführt: Erstmals ist
es nicht nur möglich, alle Läsionsvarianten
zu behandeln, es
kann auch bei einem Großteil
der behandelten Augen eine Visusverbesserung
erwartet werden.
Trotzdem stellt uns diese
neue Therapie vor neue Probleme.
Einerseits ist die Behandlung
kostspielig, andererseits
muss sie regelmäßig wiederholt
werden und auch wenn
ein ausreichender Behandlungseffekt
eintritt sind regelmäßige
Nachuntersuchungen
und -behandlungen langfristig
erforderlich. Glücklicherweise
gibt es aber mehrere viel versprechende
Therapieansätze,
die zu einer Verbesserung dieser
Situation führen könnten.
Um dies zu beweisen werden
derzeit mehrere Phase III Studien
begonnen. Im Folgenden
werden vier dieser Studien vorgestellt,
die auch in Österreich
an mehreren Zentren durchgeführt
werden:
1. Die MANTA-Studie (Multicenter
ANti-VEGF Trial
in Austria): Diese randomisierte
Doppelblind-Studie, die von
Prof. Binder, Prof. Kieselbach
und Prof. Schmetterer ini tiiert
wurde und an der acht österreichische
Augenfachabteilungen
teilnehmen, untersucht,
ob die intravitreale Applikation
von Avastin (Bevacizumab,
Genentech/Hoffmann LaRoche)
gleichwertige Ergebnisse erzielt
wie die Therapie mit Lucentis.
Avastin wird seit etwa zwei Jahren
weltweit vor allem aus Kostengründen
als Alternative zu
Lucentis angewendet, es gibt
aber noch keine randomisierte
Langzeitstudie, die beweist,
dass Avastin tatsächlich genauso
wirkt wie Lucentis. Deshalb
bestehen begründete Vorbehalte
gegen eine Anwendung
von Avastin, die nur durch die
Resultate einer randomisierten
und kontrollierten Doppelblindstudie
entkräftet werden könnten. Ähnliche Studien sind
auch in den USA, Deutschland
und Großbritannien geplant,
es ist aber nicht sicher, dass
diese Pläne auch realisiert werden
können, weshalb die österreichische
MANTA-Studie unbedingt
durchgeführt werden
sollte. In MANTA sollen 320
Patienten rekrutiert und jeweils
12 Monate nachbeobachtet
werden. Wenn die Studie zeigt,
dass Avastin und Lucentis gleiche
Therapierfolge aufweisen,
könnte in den nächsten Jahren
viel Geld eingespart werden.
Sollte sich aber herausstellen,
dass Avastin weniger gut wirkt,
sollte in Zukunft bei dieser Indikation
auf die Anwendung
von Avastin verzichtet werden.
2. Die CABERNET-Studie (CNV secondary to AMD
treated with BEta RadiatioN
Epiretinal Therapy): Bei dieser
randomisierten, kontrollierten,
aber unmaskierten Studie wird
eine Kombination einer intraokularen
Betastrahler-Behandlung
(Epi-Rad90, Neovista) mit
Lucentis gegen eine Monotherapie
mit Lucentis verglichen. Die
Bestrahlungstherapie erfordert
zwar eine Vitrektomie, die Resultate
der Phase II zeigen aber
die Möglichkeit auf, dass mit
der Kombination von Betastrahlen
und Anti-VEGF Therapie
langfristig eine Stabilisierung
erzielt werden könnte, sodass
weitere Untersuchungen und
Behandlungen nur in größeren
Intervallen erforderlich wären.
Da die Strahlenquelle praktisch über Jahre hinweg immer wieder
verwendet werden kann,
könnte diese Therapie auch die
Behandlungskosten und den
Behandlungsaufwand langfristig
deutlich senken. In der Studie
erhält die Gruppe, die bestrahlt
wird, Lucentis am Tag
der Bestrahlung und einen Monat
später, die Kontrollgruppe
erhält Lucentis zunächst dreimal
in monatlichen Abständen
und dann alle drei Monate. Zusätzliche
Lucentis-Applikationen
sind in beiden Gruppen
vorgesehen, wenn der Visus
abfällt oder die Netzhautdicke
zunimmt oder angiographisch
eine neue CNV-Aktivität gefunden
wird. Für diese Studie mit
einer Nachbeobachtungszeit
von 24 Monaten werden in 30
Zentren insgesamt 440 Patienten
rekrutiert.
3. Die COBALT-Studie (COm bining Bevasiranib
And Lucentis Therapy): Bei
dieser randomisierten und kontrollierten
Doppelblind-Studie
wird erstmals ein neues Therapieprinzip
angewendet, das in
der Natur im Rahmen von Virusinfektionen
vorkommt: die
RNA Interferenz. Diese beruht
auf der Tatsache, dass die intrazelluläre
Proteinsynthese
durch von außen eindringende
RNA-Ketten gestoppt werden
kann, wobei für jedes Protein
eine spezielle, kurze doppelkettige
RNA-Sequenz erforderlich
ist. Es wurde daher ein RNAMolekül
entwickelt, Bevasiranib
(Opko Health), dass die
Synthese von VEGF blockiert.
Phase II Studien haben gezeigt,
dass eine Monotherapie mit Bevasiranib
eine dosisabhängige
Wachstumsblockade von CNVLäsionen
erzeugt, die aber erst
nach etwa 6 Wochen einsetzt. Diese Verzögerung wird durch
die Präsenz bereits gebildeten
VEGFs erklärt. In der COBALT
Studie erhalten daher alle Patienten
am Beginn drei monatliche
Injektionen mit 0,5 mg
Lucentis. Die Patienten der
beiden Bevasiranib-Studiengruppen
bekommen in Woche
2 und 6 eine Initialtherapie
und dann ab Monat 3 im Intervall
von 8 oder 12 Wochen eine
Erhaltungstherapie von jeweils
2,5 mg Bevasiranib als intravitreale
Injektion. Die Kontrollgruppe
erhält 24 Monate lang
jeden Monat eine Lucentisinjektion.
Zusätzliche Lucentis-
Injektionen sind vorgesehen,
wenn der Visus im Vergleich
zum Befund 4 Wochen nach
der 3. Lucentis-Injektion um
zwei Zeilen abgefallen ist und
gleichzeitig angiographisch
eine Leckage gefunden wird.
330 Patienten werden von 52
Zentren rekrutiert und insgesamt
24 Monate lang behandelt.
Auf Wunsch der FDA ist
eine zweite Studie mit ähnlichem
Protokoll in Planung.
4. Die VIEW 1 und 2 Studien
(VEGF Trap: Investigation
of Efficacy and safety in
Wet age-related macular degeneration)
untersuchen die Wirkung
eines künstlichen Anti-
VEGF-Antikörpers (VEGF-Trap,
Regeneron/Bayer-Schering),
der im Vergleich zu Lucentis
eine wesentlich stärkere Affinität
und längere Halbwertszeit
hat. Diese Studie ist die größte
jemals bei neovaskulärer AMD
durchgeführte randomisierte
Doppelblind-Studie, es sollen
in 400 Zentren weltweit insgesamt
2400 Patienten rekrutiert
und ebenfalls 24 Monate
lang behandelt werden.
Das Protokoll sieht vier Gruppen
vor: Drei Gruppen erhalten
VEGF-Trap, entweder monatlich
0,5 oder 2 mg oder nach
zwei monatlichen Injektionen
am Beginn alle acht Wochen
2 mg „VEGF-Trap Eye“, die
Kontrollgruppe bekommt monatlich
0,5 mg Lucentis. Im
zweiten Studienjahr werden
die Patienten in allen vier Gruppen,
wenn keine Verschlechterung
des Visus, der Netzhautdicke
oder der Leckage auftritt,
nur noch alle drei Monate behandelt.
Diese vier Studien haben praktisch
gleichzeitig Ende 2007
begonnen und werden voraussichtlich
bis Ende 2008 Patienten
rekrutieren. Mit ersten
Ergebnissen dieser Projekte
ist daher mit Anfang 2010 zu
rechnen. Sollte auch nur eine
dieser Studien Resultate erbringen,
die einer Lucentis-
Anwendung entsprechen, wird
das Management von Patienten
mit neovaskulärer AMD dadurch
deutlich erleichtert werden
können. Die vorliegenden
Daten der Phase II Studien
sind aber durchaus vielversprechend,
sodass auch damit
gerechnet werden sollte, dass
alle Studien das geplante Ziel
erreichen. Sollte das eintreten,
zeichnet sich ein neuer Paradigmenwechsel
bei der Therapie
der neovaskulären AMD
ab, so wie 1982 mit der Einführung
der Laserkoagulation,
1999 mit der PDT und 2006
mit Lucentis. Unsere Patienten
werden es uns dann sicher
danken, wenn wir diese Studien
durch zahlreiche Überweisungen
gut motivierter Patienten
an die Studienzentren
unterstützt haben werden.
Liste der Studienzentren in Österreich:
www.amd2010.info
Statements
Prof. Dr. Susanne Binder:
„Langfristig wird die
neo vaskuläre AMD nur
durch Kombinationstherapien
mit andauernder
Visuserhaltung einzudämmen
sein.“
Prof. Dr. Anton Haas:
„Die Teilnahme an diesen
internationalen Studien
ermöglicht es uns,
unseren Patienten die
neuesten Therapien bei
Makuladegeneration anbieten
zu können.“
Doz. Dr. Erdem Ergun:
„Österreich spielt eine
tragende Rolle bei der
Entwicklung neuer therapeutischer
Perspektiven
in der AMD.“
Doz. Dr. Stefan Egger:
„SiRNAs hemmen erstmals
die Produktion von
Wachstumsfaktoren – in
Kombination mit anderen
Anti-VEGF-Substanzen
besteht die Chance
auf eine deutliche Verlängerung
der Behandlungsintervalle.“ |