Das traditionelle Symposion der Firma polyTECH fand heuer in Budapest statt
Kataraktoperation und Altersbedingte Makuladegeneration
Ein Update
Von Ronald D. Gerste
Die Marathonläufer konnten
einem leid tun. Ausgemergelt,
schweißgetränkt,
manche wankend, andere
trotz der zurückgelegten Strecke
noch von forscher Physiognomie,
strebten sie der bogenförmigen
Wegmarke an Budapests Donaukai
entgegen. „30 Kilometer“
besagte das Zeichen über dem Arkus– ein weiter Weg zum Ziel lag
noch vor ihnen. Sie blinzelten in
die Sonne, die von einem fast unnatürlich
blauen Himmel auf sie
herabstrahlte. Zahlreiche Augenärzte,
die dem sportiven Event
von der Donaupromenade zusahen,
mochten ihre Bedenken haben– die Ophthalmologen aus Österreich, Deutschland und einigen
anderen Ländern waren an jenem
letzten Septemberwochenende
in Budapest zu einem Symposium
zusammen gekommen, bei
dem blaues Licht nicht als spätsommerliche
Idylle, sondern als
Gefahr eingestuft wurde. Als eine
Noxe, die ganz entscheidend
zur Progression der altersbedingten
Makuladegeneration beiträgt
und dies möglicherweise vor allem
in jenem Lebensabschnitt, in
dem die zentrale Netzhaut besonders
vulnerabel gegenüber dieser
Phototoxizität ist: nach einer die
natürliche Linse mit ihrer Filterfunktion
entfernenden Kataraktoperation.
Im Mittelpunkt des Symposiums,
zu dem die Firma polyTECH
geladen hatte, stand die Frage,
wie man Kataraktpatienten eine
solche Progression ersparen kann.
Die Vorträge und Studien, die dabei
diskutiert wurden, waren ein
Update von drei früheren Kongressen,
auf denen die potentiell protektive
Wirkung einer Blaufilter-
IOL, also einer gelben Kunstlinse,
im Fokus stand.
Im Mittelpunkt des Symposiums,
zu dem die Firma polyTECH
geladen hatte, stand die Frage,
wie man Kataraktpatienten eine
solche Progression ersparen kann.
Die Vorträge und Studien, die dabei
diskutiert wurden, waren ein
Update von drei früheren Kongressen,
auf denen die potentiell protektive
Wirkung einer Blaufilter-
IOL, also einer gelben Kunstlinse,
im Fokus stand.
Bei der Kataraktoperation wird
eine gelbgefärbte natürliche Linse,
die den Großteil des schädlichen
blauen Lichtes absorbiert,
durch eine klare IOL ersetzt – zumindest,
wenn sich der Ophthalmochirurg
der möglichen Konsequenzen
durch Blue light hazard
nicht bewusst ist. Die Exposition
gegenüber Blaulicht steigt für den
Patienten dramatisch an. Was wäre
die logische Folgerung aus diesem
Bedrohungsszenario? Die Implantation,
so antwortete Frau Dr.
Neumaier-Ammerer, einer gelb gefärbten,
also Blaulicht von der Makula
fernhaltenden IOL!
In der Augenabteilung der
Krankenanstalt Rudolfstiftung ist
jetzt eine prospektive randomisierte
Studie vorgenommen worden,
bei der 80 Augen von 80 Patienten
jeweils eine Woche und acht
Wochen postoperativ untersucht
wurden. Ziel der Studie war es,
herauszufinden ob Unterschiede
zwischen gelben und klaren Intraokularlinsen
bei unterschiedlichen Lichtstärken hinsichtlich
Farbwahrnehmung, Kontrastsensitivität
und Visus bestehen. Ausschlusskriterien
waren schwere
Erkrankungen wie Optikusatrophie,
Makuladegeneration und
Glaukom sowie Menschen mit einer
auffallenden Farbsinnstörung – wer die Ishihara-Tafeln nicht erkennen
kann, ist sicher kein geeigneter
Proband zur Prüfung
der postoperativen Farbwahrnehmung.
Implantiert wurden unterschiedliche
dreiteilige und einteilige
IOL in klarer wie in gelber Version.
Beim Fernvisus fand sich kein
signifikanter Unterschied zwischen
gelben und klaren IOL, bei der Prüfung
des Nahvisus waren die Patienten
mit einer klaren Kunstlinse
leicht – um eine einzige Zeile – besser. Bei der Prüfung der Kontrastsensitivität
fanden sich weder
mit der Pelli-Robson-Methode
noch mit dem CSV-1000 signifikante
Unterschiede. Bei der Testung
der Blendungsempfindlichkeit
hatten Patienten mit gelber
IOL die geringste subjektive Blendung
(bei allerdings großer Standardabweichung).
Im 28Roth-Hue-
Test machten Gelblinsenpatienten
unter mesopischen Bedingungen
mehr Fehler, was aber unter
photopischen Bedingungen nicht
nachweisbar war.
Inzwischen liegen zahlreiche
weitere Studien über Farbempfinden
und Kontrastsehen nach Implantation
von blaulichtfilternden
Intraokularlinsen vor. Eine neue
Untersuchung, die von Dr. Matthias
Wirtitsch (Wien) vorgestellt
wurde, dokumentierte nicht nur
die objektive Funktion, sondern
auch den subjektiven Seheindruck,
den die Patienten mit der
IOL verspürten. Bei 24 Patienten
wurde in je ein Auge eine klare
IOL, in das andere eine gelbe,
also das Blaulicht herausfilternde
IOL eingesetzt. Beide
Augen wurden innerhalb
von vier Tagen
operiert. Die wichtigste Funktion,
der bestkorrigierte Fernvisus,
war praktisch bei beiden Linsentypen
völlig identisch, ein Visus von
annähernd 1,0 war praktisch die
Regel. Sowohl beim D 15-Farbtest
als auch am Anomaloskop
fanden sich keine signifikanten
Unterschiede; bei der Blau-Gelb-
Perimetrie war der Makulaschwellenwert – bei dieser Form der Gesichtsfeldüberprüfung
sicher nicht
unerwartet – für die Augen mit den
klaren IOL leicht höher. Bei niedriger
Lichtstärke schien die Kontrastwahrnehmung
mit der klaren
Linse leicht besser zu sein.
Bemerkenswert war das geringe
Bewusstsein der Patienten, dass
sie auf einem Auge durch ein Gelbfilter
blicken. Auf die Frage „In
welchem Auge, glauben Sie, befindet
sich die Intraokularlinse mit
dem Blaulichtfilter“, gaben 21 der
24 Patienten an, überhaupt keinen
Unterschied zwischen beiden Augen
zu bemerken.
Die Zahl der AMD-Patienten,
die eine Kataraktoperation benötigen,
wird nach Einschätzung von
Dr. Simon Brunner von der Augenabteilung
der Krankenanstalt Rudolfstiftung
in Wien in naher Zukunft
weiter ansteigen. Zum einen
hat sich in vielen Ländern die
Zahl der Kataraktoperationen in
den letzten zehn Jahren verdoppelt,
wenn nicht gar verdreifacht.
Mehr als die Hälfte der AMD-Patienten
leiden auch unter einer
Katarakt. Immer mehr Menschen
erreichen ein Alter, in dem Risikofaktoren
für eine AMD prävalent
sind, wie zum Beispiel Herz-/
Kreislaufleiden. Für die Progression
einer AMD nach Kataraktoperation
spricht eine Reihe von Studien,
die u. a. ein um den Faktor
2,7 erhöhtes Risiko für eine exsudative
AMD binnen eineinhalb
Jahren nach der Katarakt-OP angedeutet
haben. Andere Untersuchungen
hingegen können einen
solchen epidemiologischen Zusammenhang
nicht belegen.
Wer bislang glaubte, blaues
Licht sei ein reines Makulaproblem
und habe zumindest mit Glaukom überhaupt nichts zu tun, wurde
durch den Vortrag von Dr. Carl
Erb (Berlin) eines Besseren oder
vielmehr: Schlechteren belehrt.
Denn von Blaulicht mit verursachte
antioxidative Veränderungen
spielen sich auch im Trabekelmaschenwerk
und dessen engerer
anatomischen Umgebung ab. Oxidativer
Stress erhöht den Abflusswiderstand
im Trabekelwerk und
kann zur Adhäsion von Zellen des
Trabekelmaschenwerks mit Fibronektin,
Laminin und Kollagenen
führen. In jüngster Vergangenheit
sind im Trabekelmaschenwerk oxidative
DNA-Schäden nachgewiesen
worden. Schlimmer noch: Es
gibt eine positive Korrelation dieser
Schädigung mit der Höhe des
Augeninnendrucks und dem Gesichtsfeldschaden.
Unter klinischen
Bedingungen, aber auch
im Tierexperiment, so fasst Dr. Erb diesen Aspekt zusammen, führt
oxidativer Stress im Trabekelmaschenwerk
zu erheblichen Umbauvorgängen
und zu einer Erhöhung
des Abflusswiderstandes.
Doch oxidativer Stress trägt
auch am hinteren Augenabschnitt
zur Pathogenese des Glaukoms
bei. An der Netzhaut bewirkt oxidativer
Stress allein oder im Zusammenhang
mit einem erhöhten
Augeninnendruck eine Reduzierung
von Katalase und Melatonin
sowie eine Steigerung von
Lipidperoxydation und von Hitzeschock-
Proteinen. Die Astrozyten
in der Lamina cribrosa werden
aktiviert und exprimieren Metalloproteinase,
COX-2, Tumornekrosefaktor
(TNF) alpha und Transforming
growth factor (TGF) beta. – Letzterer ist im Kammerwasser
beim primären Offenwinkelglaukom
deutlich erhöht. Und letztlich
spielt oxidativer Stress eine Rolle
bei bestimmten Autoimmunreaktion,
die Teil des Krankheitsbildes
POWG (primäres Offenwinkelglaukom)
zu sein scheinen: die TZell-
Aktivierung, die bis um das
sechsfache gesteigerte TNFalpha-
Sekretion und der Anstieg von Serum-
Antikörpern gegen Glutathion-
S-Transferase.
Kann Blaulicht, so fragte Dr.
Erb, den oxidativen Stress im
Glaukomauge verstärken? Blaulicht
führt zu einem photochemischen
Schaden, es induziert eine
Apoptose in Retina und RPE
und es hemmt die mitochondriale
Atmungskette. Oxidativer Stress
ist beim Glaukom an mehrere Loci
evident: im Kammerwasser und
im Trabekelmaschenwerk, in der
Retina und in der Lamina cribrosa.
Die Last an freien Radikalen
und an reaktiven Sauerstoffspezies
wird hingegen durch eine Blaulichtfilterlinse
deutlich gemindert – was beim Glaukompatienten
mehr noch als beim „reinen“ Kataraktpatienten
prognostisch bedeutsam
sein dürfte.
Patienten mit Uveitis sind
für den Kataraktchirurgen oft eine
besondere Herausforderung,
muss man doch in hohem Maße
mit postoperativen Komplikationen
rechnen. Der Frage, ob der bei
diesen Problemfällen implantierte
Linsentyp einen Einfluss auf den „Outcome“ hatte, war eine Forschergruppe
von der Universitätsklinik
für Augenheilkunde in Wien
nachgegangen, deren Ergebnisse
Dr. Roman Dunavoelgyi – aus der
Arbeitsgruppe Prof. Dr. Claudette
Abela-Formanek – auf dem Budapester
Symposium vortrug. Bei
derart problematischen Patienten
kommt der Biokompatibilität des
Implantats eine hohe Bedeutung
zu. Sowohl IOL-Material und -Design
bestimmen diese Verträglichkeit
mit als auch die benutzte OPTechnik.
Unterschieden wird zwischen
einer uvealen Biokompatibilität, die sich – im negativen Fall – vor allem durch eine zelluläre Reaktion
auf der IOL-Oberfläche manifestiert,
und eine kapsuläre Biokompatibilität,
von der das Ausmaß
der Kapselfibrose abhängig
ist. Typische postoperative Komplikationen
bei uveitischen Patienten
nach einer Kataraktoperation sind
die Kapselphimose und die Dezentrierung
der IOL, aber auch hintere
Synechien, Membranen auf der
Oberfläche der IOL und wiederkehrende
Regenerate.
Die Wiener Arbeitsgruppe setzte
fünf unterschiedliche IOL-Typen
bei uveitischen Kataraktpatienten
ein. Dies waren hydrophile und hydrophobe
Acryllinsen sowie Silikonlinsen,
mit runder und mit scharfer
Optikkante. Bei der Auswertung
zeigte sich, dass alle Linsen eine
gute uveale Biokompatibilität und
eine gute Zentrierung aufwiesen.
Hydrophile IOL gingen indes mit
geringeren zellulären Reaktionen
in Augen mit anhaltender chronischer
Entzündung einher als hydrophobe
IOL und als Silikonlinsen. Eine
besondere und positive Bedeutung
kommt offenbar der Heparinbeschichtung
hydrophiler Linsen zu – diese Augen wiesen eine besonders
geringe Inzidenz hinterer Synechien
auf.
Grundsätzlich sind folgende
Empfehlungen zu treffen:
• Hydrophile Acryllinsen sind
besonders für Patienten mit
starker Vorderkammerreaktion
geeignet
• Bei Patienten mit starker Vorderkammerreaktion
und aktiver
Uveitis sollten keine hydrophoben
Acryllinsen zum
Einsatz kommen.
• Keine Silikonlinsen in Augen
mit posteriorer Uveitis.
Die gegenwärtige, nicht zuletzt
durch den Leistungsstandard der
modernen Medizin mögliche Lebenserwartung
macht es mehr als
wahrscheinlich, dass man ein Alter
erreicht, in dem eine AMD aufzutreten
pflegt. Doch das Leben ist
kein Marathonlauf mit dem unausweichlichen
Ziel der Makuladegeneration.
Die Ophthalmologie des
frühen 21. Jahrhunderts scheint
auf dem Weg zu sein, die Alterung
des Auges vielleicht doch schon bei
Kilometer 30 enden zu lassen. |